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Das Erbe der RAF – So denken Menschen, die früher den Staat zerstören wollten

Das Erbe der RAF So denken Menschen die früher den Staat zerstören wollten
Die RAF ist Geschichte, seit 20 Jahren gibt es die Terrorgruppe nicht mehr. Wer damals dabei war, kämpft heute höchstens mit dem Alltag.
Doch von Revolution träumen viele immer noch.

Spiegel

10. Oktober 2018

Von Ansgar Siemens

Wenn Angelika Schreiner (Name geändert) heute an den Umsturz denkt, empfindet sie Trauer. Weil sie Sport macht, während Ölmultis Lebensraum zerstören. Weil sie in einer Band spielt, während im Mittelmeer Menschen ertrinken. Weil sie in ihr Büro fährt, während der Kapitalismus tötet. So sieht sie das. "Die Welt ist schrecklich, und ich gucke weg."

Die schlanke Frau sitzt vor der Küchenzeile ihrer Wohnung. Durch das geöffnete Dachfenster dringen Sonnenlicht und Baulärm. Bücher und Leitz-Ordner liegen auf Tisch und Boden. "Biedermeier" nennt sie ihren Lebensstil - ironisch und selbstkritisch zugleich.

"Sachen kaputtmachen fand ich prima"

Die Zeiten waren mal anders. In den Achtzigerjahren kämpfte die Studentin Schreiner in Frankfurt gegen das System, warf bei Demos vermummt im schwarzen Block Steine. Und sie unterstützte die Terroristen der RAF, klebte Plakate, sprühte Parolen. Ein paar Wochen saß sie dafür im Gefängnis.

Ihren Namen und ihren Wohnort möchte die 60-Jährige nicht verbreitet sehen. Womöglich würde jemand sie ansprechen auf ihre Geschichte, das will sie nicht. Schreiner war in der "Antiimperia- listischen Szene" zu Hause, die in deutschen Großstädten RAF-Propaganda verstärkte.

"Ich habe nach allem geguckt, was anti war", sagt Schreiner, die in einem autoritären Elternhaus aufwuchs. Antiatomkraft, Antiimperialismus, vor allem Antiamerikanismus. Wegen des Vietnamkriegs und als kapitalistische Supermacht waren die Amerikaner ihr Feindbild schlechthin. "Ich wollte nie eine Maschinenpistole in der Hand haben, aber Sachen kaputtmachen fand ich prima."

"Niemand muss Bulle werden"

Die RAF habe versucht, "das Monster zu stoppen". Das Monster Kapitalismus, das die Welt so ungerecht mache. Der vermeintlich hehre Zweck ließ Schreiner gutheißen, dass die Terroristen Menschen ermordeten. Generalbundesanwalt Buback, Siemens-Manager Beckurts, Diplomat von Braunmühl.

"Wir haben das aufgerechnet gegen diese menschenverachtende Politik, die sich nicht kümmert um ganze Staaten von Opfern", so erklärt Schreiner die Denkweise im RAF-Umfeld. "Da hieß es dann: So, Pech jetzt." Und wenn Kugeln Polizisten trafen, habe man gesagt: "Niemand muss Bulle werden." Der zynische Spruch hält sich bis heute in der linken Szene.

Der Mord am US-Soldaten Edward Pimental aber habe sie verstört, sagt Schreiner. Sie habe sich daraufhin langsam zurückgezogen. 1985 tötete die RAF den US-Soldaten, weil sie seinen Ausweis brauchte. "Das war genauso eine Denke wie bei der Gegenseite", sagt Schreiner. Pimental sei für viele "Anti-Imps" ein "ziemlicher Einschnitt" gewesen.

Wir gegen den Staat

Schreiner hält den Kampf gegen den Kapitalismus für verloren. "Das System ist heute stärker denn je." Die Revolution aber bleibe das Ziel, das sie unterstütze. Kämpfen müssten heute die jungen Leute. Braucht es Gewalt? "Das denke ich, ja." Ob das helfe, wisse sie nicht. "Aber wie sonst? Die anderen geben nicht freiwillig auf."

Wir gegen den Staat. Die Front ist geblieben. Und so gilt ihre Solidarität auch den drei früheren RAF- Leuten, die man zurzeit sucht: Daniela Klette, Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg. Das Trio lebt seit fast 30 Jahren im Untergrund und soll eine Serie von Raubüberfällen begangen haben. Seit 2016 ist der Verdacht bekannt. Zu fassen sind die drei bisher nicht. "Ich hoffe, man kriegt sie nie", sagt Schreiner. "Das sind doch meine Leute. Denen wünscht man Glück und nicht Gefängnis."

Eine spektakuläre Überfallserie auf Supermärkte und Geldtransporter mit einer Millionen-Beute - und die Täter sind untergetaucht. Dabei soll es sich um ein Trio der ehemaligen RAF handeln. Profiler Axel Petermann analysiert die Hinweise.

Das Telefonat dauert nur wenige Sekunden. Sabine C. will nicht sprechen, wünscht einen guten Tag und legt auf. Zuvor noch der Appell: "Streichen Sie mich von Ihrer Liste." Birgit Hogefeld lässt ihre Anwältin per E-Mail ausrichten, an einem Gespräch habe sie kein Interesse. Eva Haule dankt immerhin schriftlich für die Anfrage, teilt aber lapidar mit: "Ich habe nicht vor, ein Gespräch mit Ihnen zu führen."

Die drei Frauen eint, dass man sie zur dritten RAF-Generation zählt. Und dass sie heute lieber schweigen, wenn es um ihre Vergangenheit geht. Haule und Hogefeld, wohl zeitweise Köpfe der Terrorgruppe, saßen wegen mehrerer Morde lange in Haft. Die Rolle von C. ist nach wie vor unklar. Sie kehrte 2003 aus dem Libanon zurück und stellte sich den Behörden.

Widerspruch einer Täterin

Haule schrieb 2007 einen Leserbrief an die Zeitung "Junge Welt", kurz nach ihrer Entlassung aus der Haft, er gibt einen kleinen Einblick in ihre Welt. Damals kursierte die These, die dritte Generation der RAF habe es nicht gegeben - sie sei ein Konstrukt von Geheimdiensten.

"Hier noch einmal klipp und klar", schrieb Haule: "Die RAF war verantwortlich u.a. für die Aktionen gegen Alfred Herrhausen, Gerold von Braunmühl und Detlev Rohwedder." Der Deutsche-Bank-Chef, der Diplomat, der Treuhand-Chef, sie alle waren seit Mitte der Achtzigerjahre ermordet worden. Der Brief klang, als reklamiere hier jemand eine Leistungsbilanz für sich.

Ingrid B. will nicht ans Telefon, auch sie verbüßte Haftstrafen und wird zur dritten Generation gerechnet. Ihr Lebensgefährte nimmt sich kurz Zeit. Er habe mehrere frühere RAF-Mitglieder kennengelernt. "Sie würden nicht auf die Idee kommen, das wieder zu machen", sagt er. "Aber weil sie so lange dafür gelitten haben, wollen sie sich auch nicht distanzieren."

Bereits die Köpfe der ersten Generation, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, gaben den Ukas aus: "Keiner spricht mit den Bullen! Keiner spricht mit Journalisten!" Die dritte Generation hält sich besonders strikt daran.

Im Jahr 2010 veröffentlichten mehrere frühere RAFler einen offenen Brief, ohne ihre Namen zu nennen. Man wehre sich dagegen, die Beiträge Einzelner zu Gewalttaten preiszugeben. "Wir machen keine Aussagen, weil wir keine Staatszeugen sind, damals nicht, heute nicht." Es war wohl auch ein Ordnungsruf an ehemalige Genossen, die womöglich anders dachten.

Dieter Müller (Name geändert) ist einer der wenigen, die ganz nah rankamen an die RAF. Er pflegte beruflich Kontakt zu zahlreichen inhaftierten Terroristen, vor allem zu Angehörigen der zweiten Generation. Müller erklärt seinen Zugang damit, dass er sich stets "solidarisch" mit der RAF beschäftigt habe. Er habe sie als eine Fraktion der Linken gesehen - trotz der tödlichen Gewalt, die er ablehne. Leute umbringen, Geiseln erschießen, das sei nichts, worüber er nur ansatzweise nachdenken könne.

Noch heute ist das Band zu früheren RAF-Leuten nicht abgerissen. Erst vor wenigen Tagen, so erzählt er, habe er eine Ex-Terroristin in der Nähe beim Einkaufen getroffen. Man habe sich eine halbe Stunde unterhalten. Müller sagt, vor allem für die ehemaligen RAF-Gefangenen gelte, sie hätten sich mit der Gesellschaft arrangiert und einen Platz gefunden. Und sie hätten eingesehen, dass Gewalt kein Weg sei, um die Verhältnisse zu ändern. Sie seien alle Linke geblieben, aber es gebe keinen, der sich heimlich danach zurücksehne, noch einmal "die Knarre in die Hand" zu nehmen.

Zugleich seien die wenigsten mit dem Staat versöhnt. Diese Opposition, sagt Müller, halte er für legitim. Was ihn störe, sei ein verklärender Blick zurück, den er bei vielen Ex-Häftlingen der RAF beobachte.

In deren Lesart sei die Gewalt richtig gewesen, weil sie gezeigt habe, dass der Staat nicht mit allem durchkomme. Diese Haltung sei gaga, sagt Müller. Aber sie sei psychologisch zu erklären - nämlich, wenn man den verlorenen Jahren im Gefängnis einen Sinn geben wolle.

Müller erklärte sich ursprünglich bereit, offen über die RAF zu sprechen. Doch überraschend verweigerte er die Freigabe von Zitaten. Er sei nie Akteur gewesen, das Thema sei ihm heute fremd. Er wolle seine Haltung zur RAF nicht verbreitet sehen.

Robert Jarowoy sitzt schon ein paar Minuten vor der Zeit am vereinbarten Treffpunkt. Ein Café im Hamburger Multikulti-Stadtteil Ottensen. Der 66-Jährige, weißes Haar, Rauschebart, trägt Poloshirt, Jeans und Turnschuhe. Ein freundlicher Hippie-Weihnachtsmann, bei dem man nicht annähme, dass er einst sechs Jahre im Gefängnis saß. Wegen mehrerer Raubüberfälle.Jarowoy war Mitglied der "Bewegung 2. Juni", die in den Siebzigerjahren ähnlich wie die RAF schwere Straftaten beging. Nach dem Hungertod des RAF-Terroristen Holger Meins töteten Leute des "2. Juni" den Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann. Im Jahr 1980 löste sich die Terrortruppe auf - kurz zuvor war Jarowoy aus der Haft entlassen worden.

Was er damals konkret tat, sagt er nicht. "Es hat keine Bedeutung, wer was gemacht hat. Es war eine Bewegung." Warum er zur Waffe griff? Jarowoy krault den Rauschebart. Der 2. Juni 1967 sei der Anstoß gewesen. An jenem Tag erschoss ein Polizist in Berlin den Studenten Benno Ohnesorg - während einer Demonstration gegen den persischen Staatschef, den Schah, der Berlin besuchte.

Bedeutet Kapitalismus Krieg?

Jarowoy geht wegen Ohnesorg zum ersten Mal zu einer Demo in Hamburg, mit 15, gegen den angeblichen Polizeistaat. Er beschäftigt sich mit der Systemfrage - und kommt wie Urkommunist Karl Marx zu dem Schluss: Das kapitalistische System endet stets im Krieg. Damals im Vietnamkrieg.

Der Schüler, bald junger Geschichtsstudent, setzt auf die Revolution, im Schulterschluss mit den Arbeitern. Gewaltsam. "Dass man in einer friedlichen Weise das System verändern könnte, das hat keiner von uns gedacht." Der große Feind: die USA, die imperialistische Großmacht, mit der Deutschland eng verbunden ist. "Kämpfen im Herzen der Bestie", das sei das Motto gewesen.

Doch die Arbeiter lassen sich nicht bewegen. "Die Zeit war noch nicht reif. Die Leute hatten das Gefühl, der Kapitalismus bringe doch etwas Gutes zustande." Jarowoy verabschiedet sich von Gewalttaten, in Hamburg engagiert er sich als Linker. Macht sich bereits Anfang der Achtzigerjahre für die Rechte kurdischer Asylbewerber stark, die damals nach dem Putsch in der Türkei nach Deutschland kommen.

Als Geschäftsführer der Stadt-Land-Genossenschaft koordiniert er die Vermarktung landwirtschaftlicher Biobetriebe, als Bio noch ein Nischenthema ist. Und er engagiert sich als Politiker in der Linkspartei, kandidiert für den Bundestag, führt im Bezirk Altona bis heute die Fraktion im Parlament. Privat unterstützt er die kurdischen Befreiungskämpfer der PKK, organisiert in einem Verein humanitäre Hilfe.

Keine Reue

Die Revolution für eine sozialistische Gesellschaft bleibe das Ziel, wenn nötig mit Gewalt, sagt Jarowoy. "Es ist legitim, ein mörderisches System, das Elend und Tod und Krieg produziert, gewaltsam anzugreifen, das sehe ich nach wie vor so."

Jarowoy schwebt ein System vor, in dem sich Regionen selbst verwalten, in dem Geschlechter und Ethnien gleichberechtigt sind. Güter dürften erst für den Export frei sein, wenn die eigenen Leute keinen Bedarf mehr haben. Die Kurden in der Türkei machten es vor. Deutschland als Nationalstaat brauche es nicht mehr.

Reue empfindet er nicht. "Ich habe nie im Geringsten mit einem Unrechtsbewusstsein gehandelt." Und auch für die RAF gelte: Es habe sich um Gegengewalt gehandelt, gegen ein gewalttätiges System. Zwar sei es "furchtbar", wenn Unbeteiligte zu Schaden oder gar zu Tode kämen. Aber ein Mensch wie Buback, der Generalbundesanwalt, der von der RAF erschossen wurde? "Ich glaube nicht", sagt Jarowoy, "dass sich jemand für Bubacks Tod entschuldigen müsste."