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Altonaer Bahnhof soll weg

Altonaer Bahnhof soll weg Bürger werden „ausführlich informiert“ statt beteiligt. Nun ist es amtlich. Der Hamburger Senat und der Vorstand der Deutschen Bahn haben hinter verschlossenen Türen das Ende des Altonaer Fern- und Regionalbahnhofs an seinem jetzigen zentralen Standort in Altona/Ottensen beschlossen. Offiziell heißt es, er würde verlegt. Nach Diebsteich zwischen Friedhöfe und Industrieflächen. Befragt oder gar beteiligt wurde die Altonaer Bevölkerung genauso wenig wie die 25.000 Fernreisenden und Pendlerinnen und Pendler aus dem schleswig-holsteinischen Umland, die täglich mit Regionalbahnen nach Altona zu ihrem Arbeitsplatz kommen. Ein Bahnhof ist aber nicht nur ein Ein-, Aus- und Umsteigeort für Reisende, sondern er ist ein zentraler Identifikationsort, der den Altonaerinnen und Altonaern viel bedeutet. Ähnlich, aber sogar in noch stärkerem Maße als einst das Bismarckbad, das Museum, das Theater, das Rathaus. Das kann man nicht durch IKEA ersetzen, denn IKEA gibt es überall, allein in Hamburg jetzt dreimal und zigtausendmal in immer der gleichen Bauweise, mit immer dem gleichen Warenangebot weltweit. „Im Bissi hab ich schwimmen gelernt“, sagen die Altonaer noch heute, aber „ich geh nach IKEA“ klingt genauso doof, wie es ist, man weiß ja auch nicht, ob in Altona, Moorfleet, London, Peking oder Wladiwostok.

Altonaer Bahnhof

Bild: Stadtteilarchiv Ottensen

Das war der Altonaer Bahnhof bis 1978 – ein architektonisch ausgewogenes Funktionsgebäude mit einer zum Verweilen einladenden öffentlichen Grünfläche mit Blumenbeeten und Bänken. Der Hamburger Senat hat zuerst seinen Abriss und nun seine Schließung beschlossen. In Kumpanei mit den jeweiligen Bahnvorständen. Jetzt fragen sich viele, wer ist eigentlich die Deutsche Bahn, dass sie selbstherrlich über den Städtebau und die Mobilität von gut einer Viertelmillion AltonaerInnen entscheiden kann? Die Deutsche Bahn AG ist eine privatrechtlich organisierte Aktiengesellschaft, deren Aktien sich allerdings zu 100% im Besitz der Bundesrepublik Deutschland befinden. Die Grundstücke in der sog. Neuen Mitte Altona und dem jetzigen Bahnhofsstandort hat sie bzw. ihre Rechtsvorgängerin, die preußische Reichsbahn, in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts vom Magistrat der damals noch selbständigen Stadt Altona kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um die öffentliche Beförderung von Personen und Gütern zu gewährleisten. Sicherlich ist man damals nicht auf die Idee gekommen, dass eine pseudoprivatisierte Bahn eines Tages feststellen könnte, dass man mit dem Verkauf von Grundstücken mehr Geld verdienen kann, als mit dem Betrieb von vielleicht nicht so rentablen Bahnhöfen und Bahnlinien, die für eine ökologisch vernünftige Mobilitätsversorgung der Bevölkerung aber außerordentlich wichtig sind. In Altona will der Senat jetzt für 40 Millionen € das Bahngeländes kaufen, das die Stadt Altona der Bahn vor 130 Jahren schenkte und erschloss. Zur Belohnung bekommt die Bahn kostenfrei die Nutzungsrechte für den jetzigen Bahnhof und die Schienentrassen, bis der 'neue Bahnhof' in Diebsteich in angeblich 10 Jahren fertiggestellt sein wird. Irgendwie würde man gerne rufen: 'Haltet den Dieb!'. Das kann man zwar tun, aber es hat in Hamburg keinerlei Bedeutung, denn wir haben eine Einheitsgemeinde, in der über alle wichtigen Fragen wie Geld, Immobilien, Standorte usw. ausschließlich der Senat entscheidet. Die Bezirksversammlungen haben genau wie die bezirklichen Bürgerentscheide lediglich empfehlenden Charakter. Und wenn diese Empfehlungen dem Senat nicht passen, missachtet er sie, evoziert sie oder tritt sie in einer anderen Weise in die Tonne. So geschehen bei den erfolgreichen Bürgerentscheiden gegen den Abriss des Bismarckbades oder den Verkauf der Altonaer Kleingärten, aber auch bei der Nichtbeachtung der einstimmigen Bezirksversammlungsbeschlüsse bezüglich der Verlängerung der HafenfährenRouten bis nah Blankenese oder der Rückverlegung der Bushaltestelle in der Max-Brauer-Allee an den alten Standort vor dem Gericht.

Bismark Bad

Um dies zu ändern, haben verschiedene im „Altonaer Manifest“ lose vereinten Initiativen ein erfolgreiches Bürgerbegehren zur Verbindlichmachung von Bürgerentscheiden durch eine entsprechende Änderung der Hamburger Verfassung mit dem Ziel der Abschaffung dieser Einheitsgemeinde durchgeführt, das nun spätestens zusammen mit der Bürgerschaftswahl im Februar 2015 den Altonaerinnen und Altonaern zur Abstimmung vorgelegt werden muss. Robert Jarowoy