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Lokalpolitik als Krimi

Lokalpolitik als Krimi

Robert Jarowoys Revier: Wohnhaus in Ottensen im Hamburger Bezirk Altona (picture alliance / dpa)
Robert Jarowoy war schon vieles: 68er-Revolutionär, der im Gefängnis saß, danach linker Verleger, Besitzer einer Motorradwerkstatt und Bio-Käsehändler. Konstanten in seinem Leben sind das Schreiben und die Politik.

"Nach dem deutsch-französischen Krieg mussten die Franzosen ungeheure Reparationen an Preußen zahlen, und diese Gelder sind als fast zinslose Darlehen an Bürger gegeben worden, die damit diese Gründerzeithäuser finanziert haben – so sind die zustande gekommen."

Rundgang durch den Stadtteil Ottensen in Hamburg-Altona. Hier kennt Robert Jarowoy jedes Haus:

"Dieses hier ist eines der wenigen noch hier stehenden Nazibauten. Das gehörte zu der jetzt vor einem Monat aufgegeben Reichsbahndirektion. Die geht ganz durch bis zum Bahnhof. Ohne dass die Bevölkerung einen Pieps dazu sagen konnte, haben sie das an Spekulanten verkauft."

Der 60-Jährige sieht aus wie eine Mischung aus Karl Marx und Harry Rowohlt – mit schulterlangen, schlohweißen Haaren und einem ebenso weißen Rauschebart. Im Herzen ist er glühender Altonaer. Seit mehr als 30 Jahren wohnt er im quirligen Zentrum dieses Hamburger Bezirks, im Viertel Ottensen.

"Ich finde ja auch diese lebendige Struktur Ottensens, die im Amt alle verrückt macht, die sagen, Ottensen ist schrecklich, weil wir hier keine gemeinsame Linie haben in der Traufhöhe, das muss alles gleich sein, und dass in Ottensen alles kreuz und quer und dass das hier so unordentlich ist, das ist genau gerade das, was ich so liebe an dieser Stadtplanung oder Nicht-Stadtplanung, sondern Stadtwuchs, der hier so entstanden ist."

Die Tücken der Stadtplanung sind Robert Jarowoys Spezialgebiet. Für die Linken ist er Vorsitzender des Bau-Ausschusses in der Bezirksversammlung Altona. Fast immer, wenn das Gremium tagt, werden Investoren im beliebten Ottensen zusätzliche Obergeschosse genehmigt. Regelmäßig stimmt immer nur einer dagegen, der Ausschussvorsitzende Robert Jarowoy:

"Während man das größte zusammenhängende Villengebiet Europas im Westen Altonas auf keinen Fall ... da darf nichts verändert werden, da muss die Villenstruktur erhalten bleiben, aber hier im Kerngebiet darf man immer draufknallen, noch zwei Geschosse, noch drei Geschosse. Dagegen kämpfe ich immer an."

Jarowoy findet es skandalös, dass die Sitzungen des Bau-Ausschusses oft geheim sind, die Folgen der Entscheidungen dann aber alle Stadtteilbewohner zu spüren bekommen: ständig steigende Mieten zum Beispiel oder Verschattungen in ihren Wohnungen durch nachträglich aufgesetzte Geschosse. Doch der Kommunalpolitiker hat ein ganz eigenes Mittel gefunden, um die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, wie Stadtplanung in Altona betrieben wird: Er schreibt Krimis.

"Die skandalösesten Vorfälle, die habe ich dann versucht, in fiktive Krimihandlungen einzubinden. Indem ich das also verfremdet beschrieben habe. Aber so verfremdet, das jeder immer genau weiß, wer sich hier mit Altona auskennt… also zum Beispiel der Erzschurke hier bei mir, der CDU-Fraktionsvorsitzende heißt Uwe Szczesny, und bei mir heißt der Norbert Czesla."

Der erste Krimi "Mord im Bismarckbad" erscheint 2007 im Selbstverlag. In den nächsten Jahren folgen weitere vier weitere Kriminalgeschichten aus dem Stadtteil. Alleine "Mord im Bismarckbad", ausgelegt in einer Buchhandlung in Ottensen, verkauft sich mehr als 10.000 Mal. Auf einem Stadtteilfest unterbreitet Uwe Szczesny, das reale Vorbild des Krimi-Schurken Norbert Czesla, seinem Intimfeind Robert Jarowoy sogar einen interessanten Vorschlag, wie er die Verkaufszahlen noch steigern könne:

"Bei der Altonale, da hatten wir unser Zelt gleich neben der CDU, und da kam er an und sagt: ‚Jarowoy, ich verklage Sie wegen Verleumdung, dann wird das Buch ein richtiger Renner, und dann machen wir halbe-halbe.‘ – So ein Typ ist das."(lacht)"

In den 70-ern hätte sich Jarowoy mit "Typen" von der CDU wohl kaum in einem Parlament gestritten. In dieser Zeit kommt er sogar ins Gefängnis, weil er in der "Bewegung 2. Juni" mitmischt, die damals neben anderen militanten Gruppen wie der RAF entsteht:

""Wir als Anarchisten, damals so, haben gesagt, man muss die Welt, für die man kämpft, für die muss man auch in seinem eigenen Leben, in seinen eigenen Strukturen eintreten. Ich hatte den Spitznamen ‚Anarcho-Sülze‘, weil das für die Leute, die bei der RAF oder so waren, die haben gesagt, die sind nicht ernsthaft."

Heute ist aus dem Revoluzzer ein engagierter Lokalpolitiker geworden, der sogar mit seinem Intimfeind in der Bezirksversammlung und Erzschurken aus seinen Krimis irgendwie seinen Frieden gemacht hat. Zu besichtigen ist das in einem Bildband zu Jarowoys 60. Geburtstag.

"Moment mal, wo ist das jetzt? Hier."

Auf der Feier hatte die Schwester des Aktivisten und Autors ein Treffen mit CDU-Widersacher Uwe Szczesny arrangiert:

"Ich habe ein Schild mit seinem Namen und er mit meinem Namen, und dann hat sie uns Fragen gestellt zu Altona, und dann sollte er in meiner Denkweise und ich in seiner diese Fragen beantworten, jeder also im Rollentausch (lacht). Ja, und das zeigt so ein bisschen, dass trotzdem irgendwie eine gewisse Vertrautheit entsteht, nicht Freundschaft, das man auch so eine komische Aktion, wie diese bei meinem 60. Geburtstag dann macht."