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Das Käseblättchen 12. KW/2017

Liebe Käsefreunde!

Anlässlich des kurdischen Neujahrsfestes Newroz am 21. März wollte ich in dieser Woche eigentlich – wie schon häufig seit Beginn der 90er Jahre - mit einer Menschenrechtsdelegation nach Kurdistan reisen, was derzeit wegen des tollwütigen Sultans vom Bosporus leider nicht möglich ist. Da ich mich als Altonaer Dorfpolitiker und Käseonkel aber auch gar nicht so sehr zu den Weltgeschehnisse aus dem Fenster lehnen möchte, kopiere ich Ihnen diesmal einfach eine harmlose Rittergeschichte aus einem früheren Käseblättchen, die sehr ergreifend ist, obwohl sie mit Käse eigentlich nicht wirklich etwas zu tun hat. Der Grand Ribeaupierre l'original ist ein halbfester Käse, der dem St. Paulin bzw. Port-Salut ähnelt. Um seinen Ursprung und seine Namensgebung gab es einen erbitterten Streit, der vor Gerichten durchgeführt wurde und endete wie das Horneberger Schießen, bei dem bekanntlich in voreiliger Begeisterung das zur Begrüßung des Herzogs gedachte Pulver verschossen wurde, so dass man schließlich, als er tatsächlich herannahte, nur noch seine Hüte in die Luft werfen konnte. Das Horneberger Schießen ereignete sich 1564, die Geschichte des Ribeaupierre geht jedoch auf ein Geschehnis aus dem Jahre 1487 zurück. Der im Elsass residierende Ritter Wilhelm von Hungerstein hatte nach dem Tod seiner Gattin in zweiter Ehe Kunigunde Giel von Gielsperg zur Frau genommen, deren Bruder hoch verschuldet war. Um ihn zu unterstützen, verkaufte die junge Kunigunde hinter dem Rücken ihres Mannes Ländereien und andere Dinge von Wert. Als der alte Ritter dahinter kam und sie zur Rede stellte, ließ sie ihn von zwei Knechten erwürgen und spurlos ver-schwinden. Dem Landvogt Wilhelm von Rappoltstein (auf französisch: Guillaume de Ribeaupierre) kam die Geschichte unglaubwürdig vor, wes-wegen er eine Untersuchung anordnete, in deren Verlauf die Knechte die Tat gestanden. Kunigunde (Cunigonde) wurde daraufhin nach Landessitte zum Tod durch Ertränken verurteilt. Allerdings hatte sie während des Prozesses durch ihre außerordentliche Schönheit und ihr keckes Wesen das Herz eines unbekannten Ritters erobert, der die in einen Sack Eingebundene im letzten Moment aus dem Fluss zog und mit ihr in die Schweiz entkam. Nach drei Jahren wurde sie von dort allerdings ausgeliefert und verbrachte 20 Jahre bis zu ihrem Tod im Turm der Ulrichsburg des Grafen von Ribeaupierre. Der Kampf um die Namensgebung des Grand Ribeaupierre l'original entbrannte erst jetzt. Natürlich hätte man sich darauf einigen können, den einen Käse Ribeaupierre und den anderen Hungerstein zu nennen, aber wer will seinen Käse schon Hungerstein oder gar „Kunigunde von Hungerstein“ nennen.

Ihr Robert Jarowoy