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Das Käseblättchen 30. KW/2016

Liebe Käsefreunde!

Nachdem Sie nun in verschiedenen Sortimenten sowohl den Allgäuer als auch den Ostenfelder Tilsiter aus Schleswig-Holstein goutieren konnten, möchte ich ein paar Worte über die Geschichte des Tilsiters verlieren, die viel mit der heutigen Zeit zu tun hat, näm-lich mit Migration, Flucht und Vertreibung. Die Stadt Tilsit liegt in der russischen Enklave Kaliningrad und heißt heute – immer noch – Sowjetsk. Sie wurde 1953 – vermutlich wegen des Käses – Part-nerstadt von Kiel. Diese Partnerschaft wurde nach dem Ende der Sowjetunion 1992 noch einmal bestätigt und gilt bis heute. Den früheren Namen der Stadt 'Tilsit' werden Sie nicht unbedingt mit Friedrich Wilhelm Voigt in Verbindung bringen, aber schon eher mit dem Hauptmann von Köpenick, jenem Mann in hoffnungsloser Situation ohne Pass, keine Arbeit, keine Wohnung usw.. Der kam aus Tilsit, hat aber den Käse nicht erfunden. Das ist eine andere Geschichte. Der Deutsche Ritterorden war im Mittelalter eine Art Vorhut der der deutschen Ausdehnungsgelüste nach Osten, was mit der Vertreibung der dort lebenden Slawen verbunden war. 1406 wurde Tilsit von eben diesem Ritterorden als Stadt gegründet, das mit dem ostpreußischen Umland jungen Handwerksgesellen, die keine Chance auf eine zu heiratende Meister-Witwe hatten, hoffnungs-volle Perspektiven bot. Unter diesen Handwerksburschen waren auch viele Schweizer, die mit der Käseherstellung vertraut waren. In der ostpreußischen Mundart wurden deshalb Melker und Käser bis zum 2. Weltkrieg durchweg 'Schweizer' genannt. So wanderten Schweizer Käse-Rezepturen nach Ostpreußen, wo die geschäfts-tüchtige Witwe eines Glasermeisters, eine Frau Westphal, in dem bei Tilsit gelegenen Städtchen Milchbude mit dem zugewanderten Schweizer Käser Nessloff einen Käse entwickelte und erstmals schriftlich unter der Bezeichnung 'Tilsiter' definierte. Dieser Käse wurde und wird dort seither produziert. Nach dem Zusammenbruch des deutschen Faschismus und der Flucht der meisten Ostpreußen gelangten sehr viele Menschen nach Schleswig-Holstein, wo sie ein neues zu Hause und eine Arbeit in der Milchwirtschaft fanden. Und so kam der Tilsiter nach Schleswig-Holstein und auch in die Schweiz und den Allgäu.

Ihr Robert Jarowoy